"Shopping"

Jubiläums-Kunstausstellung

12.10.-28.10.2017

große Ausstellungsfläche

 

Mitte der 1960er Jahre erreicht das Wirtschaftswachstum der Industriestaaten einen ersten Höhepunkt. Der Begriff der Konsumgesellschaft findet erstmalig Anwendung, da sich nun im Vergleich zu den 1950er Jahren eine breite Schicht der Gesellschaft am Konsum beteiligen kann. Das Donau - Einkaufszentrum in Regensburg ist 1967 im Jahr seiner Eröffnung das Pionierprojekt in Deutschland.

In der Gestaltung und Ausstattung des Einkaufszentrums wird die kommerzielle Funktion des Raumes nicht bloßgelegt, sondern in der komfortablen Versammlung eines vielfältigen Warenangebots nutzbar gemacht. Im Hier und Jetzt findet auf der kommerziellen Plattform ein diskursiver Austausch von Kunst und Konsum statt, der das klassische Verhältnis von Raum, Kunstwerk und Betrachter um die Interaktion wesentlich erweitert.

Von Anfang an haben die Immobilienentwickler und Gesellschafter diesen Ort zu einem Schauplatz für Kunst und Kultur gemacht. Vom ersten Tag an wird das innovative Center auch kulturell bespielt. Zahllose Ausstellungen werden organisiert und neue Publikumsschichten an die Kunst heran geführt. An diesem Ort ist die Symbiose von Kultur und Konsum zu einer Tradition geworden, die über Generationsgrenzen hinweg nicht an Lebendigkeit verloren hat. Seit den 1970er Jahren werden neben den regional bekannten Künstlern auch die damals noch umstrittenen Werke der internationalen Größen gezeigt, wie zum Beispiel von Picasso, Georges Braque, Edvard Munch oder Vertreter der jüngeren Generation wie HAP Grieshaber. Im Jahr 2000 kam der Pop-Art Künstler Allen Jones persönlich nach Regensburg, dessen Skulptur „Rendevouz“ auch heute noch einen zentralen Platz einnimmt. Das Niveau ist hoch, die Vielfalt groß. Zahlreiche Bilder, Brunnen und Skulpturen im Haus dokumentieren das vielfältige Ausstellungsprogramm der letzten 50 Jahre. Das Donau-Einkaufszentrum hat sich innerhalb der Kulturlandschaft der Stadt Regensburg zu einer festen Einrichtung etabliert.

 „Alle Kaufhäuser werden zu Museen werden und alle Museen zu Kaufhäusern“ Andy Warhol

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Warhols Voraussage Wirklichkeit geworden: Kaufhäuser sind Museen, und Museen sind Kaufhäuser. Eine Facette dieser Ausstellung erinnert daran, dass die Karriere mehrerer großer Pop-Art Künstler in der Werbung begonnen hat. Andy Warhol arbeitet anfangs als Werbegrafiker und Allen Jones verdient sein Geld als Schaufensterdekorateur.

Heute hat die „schöne Warenwelt“ Hochkonjunktur. Shopping, das Flanieren, Bummeln, Auswählen und Konsumieren ist die primäre Freizeitbeschäftigung unserer Gesellschaft. Einkaufen gilt als das Ritual des öffentlichen und gemeinschaftlichen Lebens, durch Ware wird Identität geschaffen, das Einkaufen gewinnt an gesellschaftlicher und sozialer Bedeutung.

Schon der Kauf von notwendigen Alltagsprodukten wird zu einem Akt der persönlichen Selbstdefinition. Die Grenzen verschwimmen und das konkrete Objekt wird zum Stellvertreter, zu einer Projektionsfläche von Begehrlichkeit. Die Inszenierung der Räume und der Schaufenster folgen den Techniken der Verführung, das Ausstellen wird zu einer Form der Repräsentation.

Die amerikanische Pop Art manifestiert eine radikale Positionsverschiebung. Pop Art ist keineswegs ein bloßer Spiegel der Wirklichkeit, sondern macht in den einzelnen Arbeiten wie zum Beispiel in den Dresses von Andy Warhol sichtbar, das zwischen Ding und Abbild eine Übertragungs-Operation stattfindet – oder, wie Roy Lichtenstein es ausdrückt, eine „signifikante Interaktion“. Künstler wie Mel Ramos oder Jeff Koons befragen die kulturellen, institutionellen und diskursiven Rahmenbedingungen, unter denen die Produktion und die Rezeption von Kunst stattfindet. Dies wird in den Beiträgen der Vertreter der Pop Art von Arman, Claes Oldenburg, Mel Ramos, Roy Lichtenstein, Richard Lindner, Andy Warhol und Tom Wesselmann sichtbar.

 

In allen Werken liegt der Fokus auf Image, Design, Styling, Branding und Verpackung, wie in der Warenwelt sind diese Aspekte der Präsentation an zentraler Stelle, der eigentliche Produktionsprozess bleibt im Hintergrund. Die Freude am Shopping kommt einem Eintauchen in die Welt der Glücksvorstellungen gleich. Das Flanieren durch die Fußgängerzonen und das Kaufen nach dem Lustprinzip erscheint als Inbegriff unserer Freiheit. Luxus und Überfluss überlagern jegliche Kritik an kapitalistischen Systemen. Der Akt des Kaufens als das moderne Jagen und Sammeln, wird zum spirituellen und kreativen Bekenntnis unserer Lifestyle-Gesellschaft. In den Bildkästen von Jan Henderikse wird die Halbwertszeit der Objekte in Form von Erinnerungsstücken konserviert.

Via Internet hat sich die Suche nach dem Glück auch auf die virtuelle Plattform verlegt. Einkaufen - online rund um die Uhr - ist sehr beliebt und mittlerweile selbstverständlich geworden. Die Währung des Geldes verliert sich in eine materielle Reminiszenz.

Eine neue Ästhetik wird eingeläutet. Die Geschäfte werden heute räumlich und funktional zu Life-Style-Foren unserer Gesellschaft. Das Dollar Girl dominiert als Shopping Queen. Die Inszenierung von Produkten gleicht der Inszenierung von Kunstwerken in Ausstellungsräumen. Räume, Lichteffekte, Ausstellungsarchitektur, die Shops werden zu Erlebnis- und Aufenthaltsräumen, zu Treffpunkten für Besucher. Die Ladenstraße dient dem Flanierenden als Catwalk, das Betrachten wird zum Schaulaufen, Shopping zur narzisstischen Lust. Die Kunden begeben sich auf die Suche nach Markenwaren, das Branding wird zum Code, wird zum Bestandteil der eigenen Identität und in die Haut gebrannt wie Peter Blake zeigt. Originale als auch gecoverte Labels dienen als Erkennungs- bzw. Verständigungszeichen auch außerhalb des Konsumtempels.

Anlässlich seines 50jährigen Bestehens feiert das Donau-Einkaufszentrum nicht nur sein Jubiläum, sondern setzt sich im Rahmen dieser Ausstellung auch kulturell mit den Aspekten des Warenkonsums und dessen Wandel auseinander. Diese Ausstellung direkt ins Einkaufszentrum zu platzieren, bedeutet in letzter Konsequenz auch für die Künstler eine große Herausforderung.